Dreißig Jahre nach Einführung des Gedenktags an die Opfer des Nationalsozialismus in Deutschland am 27. Januar hat der Landtag Rheinland-Pfalz in diesem Jahr erstmals besonders an das Schicksal von Frauen und Mädchen erinnert. Zudem ging die Veranstaltung der Frage nach, welche Handlungsspielräume Frauen im Widerstand nutzten und wie Nachfahrinnen von Verfolgten mit der Familiengeschichte heute umgehen.
Landtagspräsident Hendrik Hering betonte, dass die Verfolgung von Frauen lange ungesehen und unerforscht geblieben sei. Dies sage nicht nur etwas über die Jahre der Diktatur aus, sondern auch über Politik und Gesellschaft nach 1945 in Deutschland. „Ein Beispiel für dieses Vergessen ist das Frauenstraflager Flussbach am Rande der Eifel“, sagte Hendrik Hering. Wer kenne heute noch dieses Lager und was sei davon überhaupt noch sichtbar? Die spezifischen Erfahrungen von verfolgten Frauen hätten bisher nicht im Fokus des Gedenkens gestanden, obwohl sie keine Randgruppe der NS-Verfolgung gewesen seien, sondern gezielter Gewalt ausgesetzt waren. Frauen hätten nicht nur Gewalt erfahren, weil sie Jüdinnen oder Zwangsarbeiterinnen waren, zur Minderheit der Sinti und Roma gehörten, weil sie krank oder behindert waren oder weil sie sich im politischen Widerstand engagierten. Diese Frauen seien oft auch in besonderer Weise sexualisierter Gewalt ausgesetzt gewesen: sie seien zwangssterilisiert, in Lager- und Wehrmachtsbordellen erniedrigt oder für medizinische Experimente missbraucht worden.
Frauen mit Mut und Kraft
„Eine engagierte, in die Zukunft gerichtete Erinnerungskultur aber wird sich daran messen lassen müssen, ob sie Lücken im öffentlichen Gedächtnis schließt und Verantwortung klar benennt“, forderte Hendrik Hering. Er hob den Mut und die Kraft der verfolgten Frauen hervor. „Viele dieser Frauen entwickelten geradezu übermenschliche Kräfte. Unter extremsten Bedingungen und oft im Verborgenen übernahmen sie Verantwortung für sich und andere. Sie mussten das Überleben im Ghetto, im Lager, auf der Flucht oder im Versteck organisieren. Sie hielten die Familien zusammen und bewahrten Menschlichkeit in unmenschlichen Verhältnissen.“ Hendrik Hering betonte, man dürfe diese Frauen nicht auf fürsorgliche Tätigkeiten und reine Unterstützung reduzieren: „Dieses Bild greift zu kurz. Tatsächlich übernahmen auch sie Schlüsselrollen im Widerstand – und riskierten damit genauso ihr Leben wie Männer.“ Als Beispiel erinnerte er an die in NS-Haft umgekommene Franziska Kessel, die jüngste Reichstagsabgeordnete der Weimarer Republik, die erst seit wenigen Jahren in Mainz mit einer Gedenktafel gewürdigt werde. Hendrik Hering kritisierte, dass der Einsatz und das Leiden der verfolgten Frauen und der Widerstandskämpferinnen nach 1945 nicht oder nur unzureichend gesehen und anerkannt worden seien. Mit großer Sorge sehe er, dass rechtsextremistische Kreise wieder ein Rollenbild zelebrierten, in welchem die Frau untergeordnet sei, sie politisch mundtot und wirtschaftlich abhängig gemacht werden solle.
Gewalt an Frauen als Teil einer Strategie
Ministerpräsident Alexander Schweitzer sagte: „Im Holocaust waren Verfolgung, Entrechtung und Gewalt an Frauen keine Einzelfälle, sondern Teil einer gezielten Strategie der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Diese zielte darauf ab, Familien zu zerstören, Kinder zu entreißen, Widerstand zu brechen und jede Hoffnung auszulöschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlitten viele Frauen erneut Unrecht, da sie nicht als Verfolgte und Opfer anerkannt wurden. Ihre Schicksale fanden erst nach und nach Eingang in das kollektive Gedächtnis und in das gesellschaftliche Gedenken. Es ist unsere Verantwortung, diesen Frauen zuzuhören, ihren Geschichten Raum zu geben und sie zu bewahren. Auch in der Gedenkarbeit des Landes bleibt es eine fortwährende Aufgabe, diese vielfach noch unerforschten und bislang nicht weitergetragenen Geschichten sichtbar zu machen. Diese Aufgabe macht einmal mehr deutlich: Es kann und darf niemals einen Schlussstrich unter die Erinnerung an den Holocaust geben. Aus den Geschichten der Frauen und aus unserer gelebten Verantwortung erwächst zudem die Pflicht, uns entschieden für die Rechte von Frauen einzusetzen. Jedes Mädchen und jede Frau soll in Würde, Freiheit und mit gleichen Rechten leben können.“
Rasse und Geschlecht als zentrale Koordinaten für Nazis
Die Gedenkansprache hielt Dr. Insa Eschebach, ehemalige Leiterin der Gedenkstätte Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Sie widmete ihre Gedenkansprache den vom NS-Regime verfolgten Frauen und Mädchen. Rasse und Geschlecht seien die zentralen Koordinaten nationalsozialistischer Politik gewesen. Rasse- und geschlechterpolitische Maßnahmen hätten dabei nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche betroffen, von der Familie bis zu den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges. Frauen, die unangepasst lebten oder rassistischen Kriterien angeblich nicht entsprachen, seien als sogenannte „Gemeinschaftsfremde“ verfolgt worden. Das habe für Jüdinnen ebenso wie für Sintizze und Romnja und andere diffamierte Frauen und Mädchen gegolten. Eschebach ging auch auf die soziale und politische Bandbreite der damals im Widerstand aktiven Frauen gegen das NS-Regime ein. Ihr Engagement sei vielfältig, risikoreich und mutig gewesen. Eschebach beschrieb auch die Konflikte, denen die Frauen 1945 bei ihrer Rückkehr in die Heimat oder auch in die Emigration ausgesetzt waren. Das weitgehende Desinteresse der Nachkriegsgesellschaften an den persönlichen Schicksalen gerade auch der weiblichen Überlebenden sei einer der Gründe dafür gewesen, warum so viele von ihnen geschwiegen hätten. Die besonderen Umstände ihrer Verfolgung wie auch die Herausforderungen der frühen Nachkriegszeit sollten erst Jahrzehnte später öffentliches Interesse finden, erläuterte Eschebach.
Schulprojekt und Gesprächsrunde
Im Rahmen der Gedenkveranstaltung präsentierte ein Schulprojekt des Gymnasiums Nackenheim Biografien verfolgter Frauen. Bei einer Gesprächsrunde kamen mit der Influencerin Rosi aus Mainz, Carmen Spitta und Mascha Krink Nachfahrinnen verfolgter Frauen zu Wort und tauschten sich mit der Historikerin Dr. Lena Haase von der Universität Trier über die Auswirkungen der Verfolgung auf die Familien bis heute aus. Moderiert wurde die Veranstaltung von Erica Zingher, einer Journalistin, Publizistin und Podcasterin.
Hintergrund: 27. Januar im Landtag
Seit 28 Jahren erinnert der rheinland-pfälzische Landtag am 27. Januar an die Opfer des Nationalsozialismus. Die erste Sondersitzung des Landtags fand 1998 in der damals neu eingerichteten „Gedenkstätte ehemaliges KZ Osthofen“ statt. Damit ist der Landtag Rheinland-Pfalz eines der ersten Landesparlamente in Deutschland, das die Anregung des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog von 1996 aufgriffen hatte und den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als Gedenktag begeht.
Veröffentlicht am 28.01.2026.





































